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Meinung

Angst

Angst hat keinen guten Ruf. Angst bedeutet Schwäche. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau will mit ihrer aktuellen Impulspost-Aktion helfen, die Angst zu überwinden. Sie will den Menschen Mut machen. Das ist gut, denn Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Dabei ist die Angst ein viele Millionen Jahre altes – bewährtes – genetisches Programm. Nicht nur für den Menschen. Ohne Angst wären die meisten Tierarten ausgestorben, kaum dass sie sich ausgebreitet hätten. Domestiziert und ihrer natürlichen Instinkte beraubt, sind allenfalls Haustiere ohne Arg. Doch auch in ihren Genen schlummert das alte Überlebensprogramm.

Das zarte Rehlein, das arglos auf der Wiese äst, würde zum leichten Opfer von Adler, Bär, Luchs oder Wolf. Doch es ist ständig auf der Hut. Die Angst, gefressen zu werden, lässt es schauen, lauschen und schnuppern, ob ein Feind naht. In höchster Aufmerksamkeit gespannt, ist es jederzeit fluchtbereit.

Das nennt man Angst. Sie lässt den Körper Hormone ausschütten, die Kräfte freisetzen und unempfindlich machen vor Schmerz. So schnell wie nie schlägt sich das Reh bei Gefahr in die Büsche und spürt deren scharfe Dornen nicht.

Wer keine Angst hat, ist entweder ungeheuer stark – oder er wird zum Opfer. Restlos schützen kann die Angst davor zwar nicht, aber sie erhöht die Überlebenschancen. Auch der mutige Löwe kennt Angst. Dem Kälbchen lässt er keine Chance, aber wehe, wenn die Herde naht, es zu schützen. Dann sucht auch er sein Heil in der Flucht.

Dem wehrhaften Büffel nähert sich der Löwe voller Respekt vor dessen mächtigem Gehörn. Doch gibt sich der Büffel die Blöße, folgt der tödliche Biss in die Kehle. Beide, der Löwe wie der Büffel, sind sich ihrer Stärke ebenso bewusst wie ihrer Verletzlichkeit.

Das ist sinnvoll und hilfreich. Doch vielen Menschen – auch sie sind domestizierte Wesen – ist die rechte Balance von Angst und Mut im Lauf der Generationen verloren gegangen. Manche trauen sich kaum auf große Plätze, obwohl die Vernunft ihnen sagt, dass dort kein Säbelzahntiger aus dem Unterholz brechen wird. Andere rasen mit hohem Tempo im Auto in der – mitunter irrigen – Annahme, der Gegenverkehr werde schon in der Spur bleiben. Frauen haben Beklemmungen in Parkhäusern, wenngleich dort nur selten Verbrechen geschehen.

Große Weite, dunkle Höhle: Achtung, Gefahr, sagt das genetische Überlebensprogramm. Meide diesen Ort! Das Programm hat uns auch gelehrt, Fremden mit Vorsicht zu begegnen. Wer weiß, was die da im Schilde führen, die so ganz anders aussehen als wir?

Doch was dem Urmenschen am Rand der Savanne das Überleben sicherte, wird in der modernen Zivilisation zur Groteske. Die meisten Opfer von Gewaltverbrechen kennen den Täter, aber Angst haben wir vor Fremden. Sicher, aus den Krisenherden dieser Welt strömen nicht nur nette Menschen ins Land. Die Ausländerfeindlichkeit aber ist dort am größten, wo es am wenigsten von ihnen gibt: im äußersten Südosten Sachsens.

Mit Vernunft ist solcher Angst kaum beizukommen. Sie lässt sich auch nicht auf die Gefahr körperlicher Übergriffe reduzieren. Überlastung der Sozialsysteme, Gerangel um bezahlbare Wohnungen, Kitaplätze, auskömmliche Jobs – Fremde werden im Wettbewerb als Bedrohung gesehen. Ob berechtigt oder nicht: Menschen fühlen sich unsicher, daher haben sie Angst.

In der Savanne ist solche Angst eine Überlebenshilfe. In der modernen Gesellschaft wird sie selbst zur Gefahr. Wenn die Menschen sich bedroht fühlen, ist ihr Zusammenhalt gefährdet. Ihnen das Gefühl zurückzugeben, in Frieden und Sicherheit zu leben in einem der reichsten Länder dieser Erde – das ist eine Aufgabe für Staat und Kirche.

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