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Meinung

Braunkohle-Skandal

Neutsch ist ein kleines Dorf im Odenwald. Auf der Anhöhe nebenan stehen Windräder. Weil der Wind dort so schön und regelmäßig weht, könnte man eigentlich noch ganz viele dazustellen. Dummerweise ist das Dorf im Weg. Macht nichts, dann kommt es eben weg.

Ein Horrorszenario? Technikwahn? Öko-Faschismus? Ganz bestimmt. Niemand käme wohl auf die Idee, für die Nutzung der Windenergie ein ganzes Dorf plattzumachen. Ginge es allerdings nicht um den Wind über Neutsch, sondern um Braunkohle darunter, würde nicht lange gefackelt. Zum Glück für die Neutscher liegt unter ihren Füßen aber nur Granit und ähnliches Gestein.

Die Leute von Immerath hatten weniger Glück. Ihr Dorf, seit 1972 ein Stadtteil von Erkelenz, gibt es nicht mehr. Vor ein paar Tagen fiel als letztes Gebäude die katholische Pfarrkirche St. Lambertus dem Bagger zum Opfer. Ob das ein Verlust ist? Je nach Geschmack war der »Dom von Immerath« ein Juwel der Neuromanik oder eine historisierende Scheußlichkeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er hatte 1880 einen Bau aus dem 12./14. Jahrhundert ersetzt – mit dem Abreißen von Kirchen hat man dort also schon Erfahrung. Jetzt ist der Dom jedenfalls weg, und die Heimat Hunderter Menschen auch. Immerath wurde andernorts neu gebaut, ohne Kirche übrigens, nur mit einer Kapelle.

Nun kommen die Riesenbagger, um den Braunkohletagebau Garzweiler II mit ihren Riesenschaufeln weiter in die Landschaft zu fräsen. Von Energiewende keine Spur. Den Braunkohletagebau und die Kohleverstromung hat bislang noch jede Landesregierung in Nordrhein-Westfalen eisern verteidigt – egal, ob SPD- oder CDU-geführt.

Dazu passt, dass sich die geschäftsführende Bundesregierung von Union und Sozialdemokraten von den für 2020 gesetzten Klimazielen ganz offiziell verabschiedet hat. Sie beugt sich damit der normativen Kraft des Faktischen: Weil sich seit längerem abzeichnet, dass die Ziele ohnehin nicht mehr zu schaffen sind, werden sie einfach aufgegeben. Es ist kaum anzunehmen, dass eine Neuauflage der Großen Koalition, so sie denn zustande kommt, daran etwas ändern wird. Was für ein jämmerliches Bild, welch ein politischer Offenbarungseid!

Deutschland hatte sich mehrfach verpflichtet, zuletzt bei der Klimaschutz-Konferenz 2015 in Paris, den Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Dazu sollten vor allem »ineffiziente Kohlekraftwerke« abgeschaltet werden. Warum unter diesen Umständen weiterhin blühende Landschaften verwüstet werden, um die billige, aber nicht besonders energiereiche und stark schwefelhaltige Braunkohle abzubauen, bleibt ein Rätsel.

Braunkohle trägt etwa zu einem Viertel der Stromerzeugung in Deutschland bei. Gleichwohl ist ihr die Hälfte des dabei anfallenden Kohlendioxids zuzurechnen, zudem pusten die Kraftwerke reichlich Schwefel in die Luft, die Filter lassen etwa zehn Prozent durch. Braunkohlekraftwerke sind also echte Dreckschleudern. Sie gehören allesamt abgeschaltet, sofort.

Doch was geschieht? Es werden weiterhin Wüsteneien geschaffen (die man irgendwann zu Freizeitparks und Seenlandschaften renaturieren will), um die ineffizienten Öfen weiter zu befeuern. Wir Deutschen empören uns zwar gern über die Energiepolitik der USA und Chinas. Bei Braunkohle sind wir jedoch unrühmlicher Weltmeister: Kein Land baut mehr davon ab.

Zum Jahresbeginn hat der Theologe Manfred Rekowski im Kohleland NRW erstaunlichen Mut bewiesen. Die Debatte über Klimaschutz dürfe nicht mit dem Hinweis auf die Gefährdung von Arbeitsplätzen beendet werden, bevor sie geführt wurde, erklärte der Präses der rheinischen Kirche. Das würden wir gerne auch von der Kanzlerin und dem Düsseldorfer Regierungschef hören.

Wolfgang Weissgerber

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