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Neue Forschung zu Ortenberger Marienaltar

Die Heiligen Drei Könige aus Böhmen

Corinna WillführMichael Schroeder sagt, dass die lächelnden Münder in den Umkreis der böhmischen Malerei gehören. Diskussion ist erwünscht.

ORTENBERG. Im aktuellen Band des Jahrbuchs des Hessischen Landesamts für geschichtliche Landeskunde ist ein Beitrag des Publizisten, Kunsthistorikers und Ortenberger Stadtarchivars Michael Schroeder zu lesen über Provenienz und Datierung des Ortenberger Marienaltars. Das könnte zu einer Neubewertung des mittelalterlichen Retabels führen.

Am Anfang war es Bewunderung. Dann Faszination. Zu dieser kam Neugier. Schließlich durch Erfahrung, Wissen und Forschung die Überzeugung, dass das, was zu sehen ist, anders gesehen werden kann, neu interpretiert werden muss. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Michael Schroeder mit dem Ortenberger Marienaltar, seiner kirchen- wie kunstgeschichtlichen Bedeutung. Im aktuellen Hessischen Jahrbuch für Landesgeschichte veröffentlicht der 63-Jährige nun seine Forschungsergebnisse unter dem Titel »Ortenberger Marienaltar oder Ortenberger Wenzelsaltar?«

Das Bild stammt wohl aus einer böhmischen Werkstatt

Die erste These: Das kostbare Retabel mit der Mutter Maria und dem Jesuskind im Kreis der heiligen Sippe – zentrales Motiv des Altars – stammt nicht wie bislang angenommen von einem mittelrheinischen Künstler, sondern aus einer böhmischen Künstlerwerkstatt. Möglicherweise sogar aus der Werkstatt des Meisters von Raigern. »Alle stilistischen Merkmale verweisen in den nächsten Umkreis dieses herausragenden Malers oder seiner Künstlergruppe«, sagt Schroeder.

Doch die Anmutung der Gesichtszüge, die Schroeder zu der Schlussfolgerung veranlasst, ist es nicht allein: Im Stall von Bethlehem – Szene des linken Flügels des Marienaltars – liegt das neugeborene Christuskind nackt auf der Erde, ist von sprießenden Blumen umgeben. Eine Weihnachtsvision, die auf die heilige Birgitta von Schweden (1302 bis 1373) zurückgeht, in ihren Briefen im Prager Domschatz deponiert.

Die Krone auf Balthasars Haupt ist ein wichtiges Indiz

Schroeders zweite These hat den rechten Altarflügel im Fokus. Auf ihm ist die Anbetung der Heiligen Drei Könige in Bethlehem dargestellt. In ihrer Mitte ist Balthasar zu sehen. Er trägt eine Krone, das Zeichen eines königlichen Herrschers. Für Schroeder ein Indiz, dass es sich bei dem dargestellten Balthasar nicht um ein Stifterporträt aus einer Adelsfamilie handelt – weder der Eppsteiner noch der Hanauer Grafen. Vielmehr erkennt der Autor in Balthasar ein sehr lebensnahes Porträt Wenzels IV. Möglicherweise in den knienden Königen sogar dessen Vettern Jobst und Prokop, die als Thronanwärter Hand an die Krone legen. Wenzel, ältester Sohn von Kaiser Karl, war am 6. Juli 1376 im Dom zu Frankfurt zum römisch-deutschen König gekrönt worden. Er war ein unglücklicher Regent. Von angenehmem Äußerem, aber einem eher labilen Charakter.

Wer konnte Kostbarkeit bezahlen?

Im Jahr 1400 wählten die Kurfürsten den unfähigen Regenten ab. Eine Tatsache, aus der er folgert, dass das Altarbild erst nach der Heiligsprechung von Birgitta (1391), aber vor der Abwahl Wenzels IV. in Auftrag gegeben sein muss. Und zwar aus Kassen, die sich beispielsweise die Gestaltung der Gewänder mit Zwischgold, einer hauchdünnen, auf Silber ausgeklopften Goldfolie, leisten konnten. Wer aber verfügte über die Mittel für die Ausgestaltung einer solchen Kostbarkeit – und warum kam diese in die Provinz?

War der Altar für die Mainzer zu peinlich geworden?

Zwei Fragen, die zur dritten These Schroeders führen: »Man wollte das Triptychon in Mainz nicht mehr.« Dem geht die Annahme voraus, dass das Retabel für kurze Zeit die Mainzer Liebfrauenkirche geziert haben könnte. Nach der Abwahl Wenzels IV. allerdings könnte »das kostbare wie nun unliebsame Kunstwerk mit dem Bildnis des abgesetzten Königs in der Mainzer Liebfrauenkirche, dem Sitz des mächtigen wie vermögenden Archidiakons des Erzstiftes, zur Peinlichkeit« geworden sein. Da könnte der Propst von Mariengreden doch auf die Idee gekommen sein, den wertvollen Flügelaltar mit dem abgebildeten, aber abgewählten König in die Provinz abzuschieben.

Von Corinna Willführ

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