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Hessische Prinzessinnen

Glanz und Untergang

Foto: Ikonenmuseum Die zur Kaiserin Marija gekrönte Prinzessin Maximiliane Wilhelmine Auguste Sophie Marie von Hessen und bei Rhein hinterließ Spuren: Sie war eine der Begründerinnen der Russischen Rotkreuzgesellschaft.

FRANKFURT. Hochzeiten aus politischen Gründen sind in der Geschichte keine Seltenheit. Eine Ausstellung im Ikonenmuseum Frankfurt präsentiert vier hessische Prinzessinnen, die nach Russland verheiratet wurden. Dort erwartete sie nicht nur Herrlichkeit und Prunk.

Den Beinamen »der Große« verdankte Zar Peter I. nicht nur seiner imposanten Statur. Er hat für sein Land auch Großes bewirkt. Entschlossen, Russland nach Westen zu öffnen und als europäische Macht zu etablieren, läutete er epochale Reformen in Verwaltung, Militär, Wirtschaft und Kirche ein.

An seinem Hof sorgte der Zar durch gezielte Ehen für frischen Wind. Die Vermählung seines Sohnes mit einer deutschen Prinzessin war 1711 ein Novum, das fortan zur Regel wurde. Die dynastischen Verbindungen zwischen den beiden Ländern sollten Russlands Entwicklung zwei Jahrhunderte lang nachhaltig prägen.

Hierzu trugen vier Prinzessinnen aus dem Großherzogtum Hessen maßgebend bei. Welche wegweisenden Spuren sie vor allem auf dem Gebiet der Wohlfahrt und Bildung hinterließen, führt derzeit die Ausstellung »Liebe, Glanz und Untergang« im Frankfurter Ikonenmuseum vor Augen.

Die Ausstellung zeigt viel Verbindendes

Anlässlich der Ermordung der Zarenfamilie, die sich 2018 zum 100. Mal jährt, rückten das Kulturministerium der Russischen Föderation, die Stiftung zur Förderung und Wiederbelebung der Barmherzigkeits- und Wohltätigkeitstraditionen »Jelisawetinsko-Sergijewskoje Aufklärungsgesellschaft« und die Hessische Hausstiftung die Prinzessinnen in den Blick. Dass etwa die zur Kaiserin Marija gekrönte Prinzessin Maximiliane Wilhelmine Auguste Sophie Marie von Hessen und bei Rhein (1824–1880) die Russische Rotkreuzgesellschaft 1867 mit aus der Taufe hob oder Prinzessin Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen und bei Rhein (1864–1918) als Großfürstin Jelisaweta an der Spitze von mehr als 150 Wohltätigkeits- und Bildungseinrichtungen stand, dürfte hierzulande nur wenigen Menschen gegenwärtig sein. Ikonenmuseumsdirektor Richard Zacharuk sagte denn auch »sofort Ja«, als ihm das Projekt vom russischen Kultusministerium angetragen wurde. Selbst wenn unter den von russischen Museen und Archiven, dem Nationalmuseum Aserbaidschans, Privatpersonen und dem Schlossmuseum Darmstadt beigesteuerten Exponaten kaum Ikonen zu finden sind.

Die Ausstellung, die viele der mehr als 300 Objekte erstmals öffentlich präsentiert, begreift Zacharuk »in zweifacher Hinsicht als Geschenk«. Sie werde von russischer Seite finanziert und mache deutlich: »Es verbindet uns mehr als uns trennt.«

In einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen beiden Ländern nicht gerade das Beste sei, illustrierten die lebensgroßen Gemäldeporträts, Schriftdokumente, Fotografien, Medaillen, persönlichen Gegenstände, Schmuckstücke und festlichen Roben, wie segensreich einst die russisch-deutschen Beziehungen waren.

»Die vier Prinzessinnen sind Protagonistinnen, die Brücken zu einem Stück Zeitgeschichte bauen«, ist Zacharuk überzeugt. Wie schon der Ausstellungstitel verrät, war ihr Wirken als tatkräftige Gattinnen russischer Herrscher von Liebe und Glanz, aber auch von Tragik gezeichnet.

Prinzessin Auguste Wilhelmine Luise von Hessen-Darmstadt (1755–1776), die 1773 als erste der hessischen Prinzessinnen an den Zarenhof kam, blieb zwar als Großfürstin Natalja eine größere Einflussnahme verwehrt. Sie starb bereits zweieinhalb Jahre nach der Heirat mit dem Sohn Katharinas der Großen, Pawel I., bei der Geburt ihres ersten Kindes. Dafür setzte die langjährige Kaiserin Marija umso mehr in Bewegung. Die »Kampfgefährtin« Alexanders II. versammelte von Anfang an Vertreter der russischen Geisteswelt um sich und schaffte 1861 die Leibeigenschaft ab. Sie rief neben der Rotkreuzgesellschaft noch viele weitere Wohlfahrtseinrichtungen ins Leben und legte den Grundstein für die Bildung von Frauen.

In eigenen Belangen überaus bescheiden, spendete sie zudem drei Viertel des ihr vom Staat für den Lebensunterhalt zugewiesenen Geldes zugunsten von Witwen, Waisen und Kranken. Als sie 1880 an Tuberkulose starb, ließen ihre fünf Kinder auf dem Ölberg in Jerusalem eine prächtige Kirche bauen, die bis heute das Andenken an Marija sowie an ihre Schwiegertochter Elisabeth bewahrt.

Prinzessinnen mussten neuen Glauben annehmen

Letztere baute das soziale Engagement noch weiter aus. Als »Blüte der christlichen Aufklärung und Barmherzigkeit« bezeichnet, leitete die Großfürstin Jelisaweta unter anderem während einer Hungersnot das Hungerhilfekomitee und gründete die »Jelisawetinskoje Wohltätigkeitsgesellschaft«, die unzähligen Kindern Schulbesuch und Berufsausbildung ermöglichte. Wie alle vier Prinzessinnen aus dem protestantischen Großherzogtum – aufgrund der Heirat mussten sie zum russisch-orthodoxen Glauben übertreten – sah sich Elisabeth nicht nur dem sozialen Engagement verpflichtet. Weltoffen und gebildet förderte sie auch Wissenschaft und Kunst.

Nach dem tödlichen Attentat auf ihren geliebten Mann Sergeij zog sie sich aus der Welt zurück und gründete 1909 das Martha-Maria-Kloster. Als Äbtissin widmete sie nun ihr Leben ganz den Leidenden und Bedürftigen, richtete im Kloster einen Speisesaal für Arme sowie ein Krankenhaus ein. Im Ersten Weltkrieg brachte sie allein in Moskau 800 Lazarette auf den Weg. Russlandweit sollen 1916 über 6000 Organisationen und Einrichtungen ihrer Wohltätigkeitsgesellschaft unterstellt gewesen sein.

Elisabeths jüngere Schwester Alix Viktoria Helene Luise Beatrix von Hessen und bei Rhein (1872–1918), die seit 1894 als Kaiserin Alexandra amtierte, kümmerte sich während des Krieges ebenfalls um Kranke und Versehrte. Gemeinsam mit ihren Töchtern besuchte die Zarin Krankenpflegekurse, tauschte ihre herrschaftliche Robe mit der Rotkreuzuniform und assistierte bei Operationen. Außerdem funktionierte Alix das Winterpalais und andere Residenzen zu Lazaretten um.

Der selbstlose Einsatz von Elisabeth und Alix fiel nach der Oktoberrevolution 1917 nicht mehr ins Gewicht. Als Angehörige der Zarenfamilie Romanow wurden die beiden wie alle anderen Mitglieder 1918 von den Bolschewiki ermordet.

Die russisch-orthodoxe Exilkirche erklärte Elisabeth bereits 1981 zur Heiligen, elf Jahre später zog das Moskauer Patriarchat nach. Im Jahr 2000 wurden schließlich auch Kaiserin Alexandra, ihr Gatte Nikolaus II. und ihre Kinder in den Heiligenstand erhoben und werden seither als »Zarenmärtyrer« verehrt.

Alle vier hessischen Prinzessinnen seien »herausragende Persönlichkeiten« gewesen, bescheinigt der Kulturminister der Russischen Föderation Wladimir Medinski im Vorwort des Ausstellungskatalogs. »Bis auf den heutigen Tag genießen sie in Russland aufgrund ihrer moralischen Integrität und ihres barmherzigen und karitativen Wirkens hohe Wertschätzung.«

Die Ausstellung »Liebe, Glanz und Untergang. Hessische Prinzessinnen in der russischen Geschichte« ist bis zum 25. Februar im Ikonenmuseum Frankfurt, Brückenstraße 3–7, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr. Weitere Informationen: Tel.0 69/21 23 62 62 oder www.ikonenmuseumfrankfurt.de

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